Das Forschungsprojekt „Anomie & Insurgency“ widmet sich den potentiellen Zusammenhängen zwischen sozialem Wandel, anomischen Zuständen und der Hinwendung zu gewalttätigen organisierten Gruppierungen (Insurgency). Grundlage bildet eine empirische Feldforschung im Nigerdelta, wo sich Gewalt in diversen Formen manifestiert. Ziel ist es, zur frühzeitigen Erkennung von risikobehafteten gesellschaftlichen Entwicklungen und damit zur Erarbeitung präventiver Strategien gegen gewalttätige innergesellschaftliche Konflikte beizutragen.
In enger Zusammenarbeit mit dem Center for Ethnic and Conflict Studies (CENTECS) an der University of Port Harcourt, hat die SAD ein Forschungsprojekt lanciert, welches der frühzeitigen Aufdeckung von risikobehafteten gesellschaftlichen Entwicklungen dient. In der Studie werden die Zusammenhänge zwischen sozialem Wandel, anomischen Zuständen und der Hinwendung zu gewalttätigen organisierten Gruppierungen mit politischer Agenda untersucht. Die SAD und CENTECS erforschen anhand einer empirischen Feldstudie die Motive auf der individuellen Ebene, welche aufständisches Verhalten begünstigen.
Als theoretische Grundlage für die empirische Feldforschung dienen primär zwei dominante Strömungen der Anomieforschung: Emile Durkheim ging davon aus, dass Anomie im Sinne von Normlosigkeit und Orientierungslosigkeit durch raschen gesellschaftlichen Wandel hervorgerufen wird. Robert K. Merton vertrat dagegen die Annahme, dass Anomie der gesellschaftlichen Struktur selbst immanent sei: Für ihn befindet sich eine Gesellschaft dann in einem anomischen Zustand, wenn sie ihren Mitgliedern gewisse kulturelle Ziele vorgibt, aber nicht allen Mitgliedern die Mittel zur Verfügung stellt, diese Ziele zu erreichen. Anomie entsteht also durch eine Ziel-Mittel-Diskrepanz.
Beide Ansätze gehen davon aus, dass Anomie die motivationale Grundlage für gesellschaftlich abweichendes Verhalten ist. Eine Anwendung der Anomietheorie auf den Bereich der nicht-staatlichen bewaffneten Gewalt kam bisher jedoch weder in der Anomieforschung noch in der Forschung zu Insurgency zum Einsatz.
Forschungskontext
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und zeichnet sich durch seine ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt aus. Nicht erst seit der Demokratisierung im Jahre 1999 sieht sich das Land mit zahlreichen inneren Unruhen und gewaltsamen Ausschreitungen konfrontiert. Nigeria erleidet immer wieder Rückschläge, welche die Bevölkerung vor grosse Herausforderungen stellen. Dies trifft im Besonderen auf die Region des Nigerdeltas zu, wo viele Menschen trotz Ressourcenreichtums in Armut leben. Seit 1990 hat die Zahl bewaffneter Gruppierungen merklich zugenommen, die sich gegen Regierung und Ölfirmen auflehnen.
Forschungsablauf und Methoden
Die Datengrundlage des Projektes bildet eine empirische Feldforschung in und um Port Harcourt. Die Forschungshypothesen werden basierend auf den Daten einer Fragebogenuntersuchung überprüft. Neben der quantitativen Datenerhebung werden zudem Fokusgruppendiskussionen durchgeführt. Diese qualitativen Daten dienen dazu, die quantitativen Daten besser interpretieren zu können und zusätzlichen Forschungsfragen vertieft nachzugehen. Die SAD erhält für dieses Projekt Inputs von einem Expertenkomitee aus Wissenschaftlern und Entwicklungspraktikern.
Forschungsziele
- Aufzeigen gegenwärtiger Ausprägungen von Anomie in verschiedenen sozialen Gruppen in und um Port Harcourt sowie derer potentiellen Ursachen und Folgen
- Überprüfen von Zusammenhängen zwischen Anomie und der Unterstützung von und Partizipation in nicht-staatlichen bewaffneten Gruppierungen im nigerianischen Kontext
- Beitrag zur Erklärung der Entstehung von „radikalen“ Ideologien und nicht-staatlichen bewaffneten Gruppierungen
- Beitrag zur Entwicklung eines Frühwarnsystems, welches ein rechtzeitiges Verstehen der Prozesse innerhalb eines spezifischen Kontextes und damit präventive Massnahmen gegen gewalttätiges Aufbegehren ermöglicht
Zielgruppe
Die Ergebnisse der Studie richten sich an Entscheidungsträger, welche mit potentiell konfliktträchtigen Situationen konfrontiert sind, und sollen sie darin unterstützen, frühzeitig risikobehaftete gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen und entsprechende präventive Massnahmen zu treffen.
|
|
Kontakt
Michèle Fischer
Projektleiterin
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
+41 (0)32 344 49 68
Karte
|